Elegie und Ironie:
Elegie und Ironie
Neulich in Kreuzberg. Ich sitze auf einer alten Couch. Neben mir sitzt Boris Klabunde. Das Zimmer wird nur noch vom Licht des tonlosen Fernsehers und des Laptops beleuchtet. Draußen ist es mittlerweile Herbst und drinnen legt Klabunde stolz sein neues Album in das Laufwerk. Ich höre den elf Songs gespannt zu, während er mir die Geschichten zu den Songs erzählt, zu den Gedanken dahinter, den eigentlichen Gedanken.
Boris Klabunde schreibt seit fast zehn Jahren eigene Songs. Davor hat er Filme gedreht. „Man kann in Liedern mehr Platz für Interpretationen lassen, muss nicht zu konkret werden“, begründet er. 2001 wagte er sich mit seiner Musik zum ersten Mal richtig in die Öffentlichkeit. Drei Alben hat er selbst verlegt. Und mit »Pale Blossoms«, dem vierten Album des Wahlberliners, dem ersten auf dem Label Solaris Empire, bekommt Klabunde, so schaut es aus, endlich die verdiente Aufmerksamkeit.
Klabundes Musik hat mehr als nur Oberfläche. Sie ist recht doppelbödig. Irgendwo zwischen Lofi-Pop und Folkmusik hört man Liebeslieder, hört man ihn von Sehnsucht singen - zumindest glaubt man das. »Aber eigentlich ist das alles gar nicht so ernst gemeint. Viel mehr ironisch« erklärt er mir. »Zum Beispiel »Orange Dude« ist wirklich nur durch Zufall entstanden, weil ich ein Homerecording-Aufnahmegerät testen wollte. Der ist auch schon auf meinem ersten Album enthalten, aber die neue Aufnahme im Studio klingt natürlich viel besser.« Zu diesem Song gibt es angeblich viele Geschichten. Es geht wohl auch um ein alkoholisches Getränk, aber soweit ich weiß, hat das noch keiner erraten.
Wenn Herr Klabunde einem ins Ohr haucht: »I know that you know, but I know that I love you.«, klingt das zunächst wie eine herzzerreißende Liebeserklärung. Beim zweiten Hinhören wird die eigentliche Ironie schon deutlich. »Das ist auch kein Liebeslied, eher ein Anti-Liebeslied.« sagt er. Aber ich habe mich dennoch darauf versteift, das Stück als Liebeslied anzusehen. Denn manchmal ist die Ironie in Klabundes Songs so subtil, dass man sie unbemerkt verschwinden lassen kann. Und manchmal sind die Songs zu schön, um sie ironisch zu betrachten.
In Klabundes Musik kann man gewisse Anspielungen auf Nick Drake nicht leugnen. Ich höre auch etwas Damien Rice, nur weniger überproduziert. Denn trotz der ab und an auftauchenden Pop-Klischees - wie zum Beispiel das Geräusch von Regen in der Mitte der Platte, am Ende des Songs »Laura«, oder die etwas aufdringlich einsetzenden Streicher - konzentriert sich die Musik von Klabunde auf das Wesentliche. Der Gesang steht im Vordergrund zusammen mit der Gitarre. Und später fallen dann auch Bass, Schlagzeug oder das Banjo auf, runden die ganze Geschichte ab.
Neben seiner Band, die sich eigentlich erst nach den Albumaufnahmen offiziell gründete, wirkte auch die bezaubernde Schwedin Marit Fahlander an »Pale Blossoms« mit. Ihre typisch schwedische Singer-Songwriterinnen-Stimme verleiht »Pineapple Sundown« den wohl poppigsten Klang des gesamten Albums und schickt uns in Traumwelten, nachdem »Laura« uns mit Melancholie überschüttete.
Neulich in Leipzig. Im »Noch besser Leben« sitzt Klabunde an der Theke, trinkt Rotwein, als ich hereinkomme. Sieben Tage Tour gemeinsam mit Kitty Solaris liegen hinter ihm und seiner Band. Er sieht müde aus. Ich erwarte daher einen ruhigen Abend. Einen Monat zuvor habe ich ihn alleine mit der Gitarre auf der Bühne eines Berliner Kellerclubs gesehen. Die Lieder, die er damals spielte, waren - nur mit Gitarre und Gesang (und einer Mundharmonika) - noch viel trauriger als auf CD und das Publikum, lauschte sitzend und aufmerksam den Geschichten die Herr Klabunde sang. Es war still im Raum.
»Heute, mit Band, wird das nochmal ganz anders. Die Songs klingen weder wie die Solo-Konzerte noch wie auf Platte, sondern ganz, ganz anders.« Als Klabunde, als Band, die Bühne betreten, wird klar was er meint. Die Songs sind plötzlich voller, rhythmischer, schon fast tanzbar. Und ruhige Songs wie »Orange Dude« regen an, hin und her zu tänzeln und es Klabunde nachzumachen, wenn er sich über den Bühnenbereich bewegt und zwischen den Gesangsparts zur Mundharmonika greift.
written by Kitty Non Grata
published in PERSONA NON GRATA (08/February)
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